„Als die Hirten Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.“
Wen wundert es, dass das Erstaunen damals groß war. Es ist etwas geschehen, das vollkommen an den Erwartungen der Menschen vorbeiging. Hatten sie nicht einen Herrscher, einen kraftvollen Retter erwartet? Jemanden, der Ausstrahlung hat, an dem man sich orientieren kann? Und nun hört man die Hirten von einem Kind reden. Bei Volkszählungen wurden Kinder auf keiner Liste erfasst. Sie gehörten halt dazu. So viel zu ihrer Bedeutung damals.
Dietrich Bonhoeffer formulierte den schönen Satz: „Wie zur Beschämung der gewaltigsten menschlichen Anstrengungen und Leistungen wird hier ein Kind in den Mittelpunkt der Weltgeschichte gestellt“. Gottes Weg in diese Welt orientiert sich nicht an den Erwartungen der Menschen. Wen wundert es, dass das Erstaunen damals groß war.
Und womöglich ist das auch heute noch so. Die Geschichte der Geburt Jesu ist den meisten von Kind auf vertraut.  So vertraut, dass sie „niedlich“ geworden ist. Wer reibt sich da noch die Augen? Gott - Kind, das geht zusammen?
Was bringt uns heute zum Staunen. Für gewöhnlich wohl die außergewöhnlichen Dinge. Kuriositäten. Länge, Höhe, Weite, Gewicht… Da hat ein Mann einen Güterwaggon sechs Zentimeter mit den Zähnen bewegt. Oder: der größte Weihnachtsbaum von so und so vielen Metern steht in Dortmund, oder wo war das? Manch einer sucht den Weg ins Guinnessbuch, um etwas Bedeutsames zu erreichen. Um ein großes Staunen hervorzurufen. Wer vermag es schon, den größten je gemessenen Lebkuchen herzustellen? Oder eben anderes Erstaunliches zu leisten. So ist es, wenn wir uns wundern. Wie groß muss etwas sein, dass wir ihm Beachtung schenken und Bedeutung? Wie laut? Wie schrill? Wie stark? In den Metropolen spielt die Musik. Dort wird der Takt vorgegeben.
Doch dieses „Sich-Wundern“ der Weihnacht ist anderer Natur. Gottes Weg in die Welt ist leise, fast unscheinbar. Die Menschennacht wird still berührt durch das warme Licht Gottes in einem Kind. Und so singt die Maria im Weihnachtsoratorium „Schließe, mein Herze, dies selige Wunder, fest in deinen Glauben ein. Lasse dies Wunder, die göttlichen Werke immer zur Stärke deines schwachen Glaubens sein“.
Wie glücklich ist ein Mensch, der sich wundern kann. Im Staunen tritt er heraus aus der Haustür seiner Gewohnheit. Und findet dann etwas zuvor Verborgenes. Wie die Hirten, die zunächst in ihrem Alltagseinerlei verkeilt waren, doch dann zu fröhlichen Predigern der Geburt des Heilandes wurden.
Als ein Rabbi gefragt wurde, woran es läge, dass die Menschen Schwierigkeiten haben, Gott zu finden, da sagte er schlicht: Sie haben sich nur nicht tief genug gebückt.
Es sind die kleinen Türen meiner Sinne, durch die Gott zu mir kommt Also: Suchen wir ihn nicht im Schrillen. Suchen wir ihn nicht im Offensichtlichen. Suchen wir ihn dort, wo unsere stille Seele das Leben betrachtet. Dort, wo ein frisch Geborenes schreit, dort, wo ein Greis mich anlächelt, dort, wo die Botschaft Jesu geliebt wird. Jesus sagte: „Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, dem wird es sich nicht öffnen“. In dieses überraschend kleine, einfache Leben hat sich Gott hineinbegeben; dort öffnet sich Geheimnis. Dort, wo ich das Kindliche in mir ansehe und staunen kann. Dort öffnet sich der Klang einer wunderbaren Geborgenheit, die mir Zuversicht gibt in allem Zweifel. Und darum:
„Schließe, mein Herze, dies selige Wunder, fest in deinen Glauben ein.“
Herzliche Weihnachtsgrüße
Pastor Albrecht Mantei